Mädchen und Technik
„Es ist also höchste Zeit, die Großmutter-Meinung, Technik ist Männersache, endlich in die Mottenkiste zu werfen!“ fordert 1958 die DDR-Zeitschrift „Rakete“ in ihrem Heft 10.

Die „Rakete“ ist eine von 1958 bis 1962 monatlich erscheinende Kinder- und Jugendzeitschrift, die von der Pionierorganisation „Ernst Thälmann“, einer Unterorganisation der staatlichen Freien Deutschen Jugend (FDJ), herausgegeben wird. Sie berichtet vor allem über naturwissenschaftliche und technische Themen.
Für die vorliegende Ausgabe 10 wurden Mädchen nach ihrem Verhältnis zur Technik befragt. Viele Mädchen hätten angegeben, so heißt es dort, sich nicht für Technik zu interessieren, oder sie hätten Technik als „Männerarbeit“ bezeichnet. Der Artikel verweist darauf, dass doch auch Mädchen täglich von Technik umgeben seien und viele Frauen in Fabriken arbeiteten. Auch die befragten Mädchen werden in ihren späteren Berufsleben mit Technik zu tun haben.
Die Regierung der DDR hat ein Interesse daran, Mädchen und Frauen für technische Berufe zu begeistern. Denn der Schwerpunkt der Industrie liegt in den Anfangsjahren auf der Schwerindustrie. Es fehlt jedoch an Arbeitskräften. Daher sollen möglichst viele Frauen in die Produktionsprozesse und in „typische Männerberufe“ eingebunden werden. Dazu kommt: Nach der Idee des Marxismus-Leninismus wird die Gleichberechtigung der Frau durch ihre Integration in die Arbeits- und Produktionsprozesse erreicht.
Auch die Schulen verfolgen das Ziel, Mädchen in technische Berufe zu bringen. Es gibt keine gesonderten Lehrpläne für Mädchen. Jungen und Mädchen werden größtenteils gemeinsam unterrichtet. Der polytechnische Unterricht soll auch die Mädchen mit der Arbeitswelt unter anderem in den Fabriken bekannt machen.
In der DDR sind deutlich mehr Frauen berufstätig als in der BRD. In höhere Positionen in der Wirtschaft und Politik können sie jedoch kaum gelangen. Auch erhalten Frauen auch in der DDR häufig weniger Lohn als Männer. Da sich an der traditionellen Rollenverteilung in den Familien kaum etwas ändert, baut die Regierung die Kinderbetreuungseinrichtungen aus. Trotzdem sind viele Frauen durch die Doppelbelastung deutlich überbeansprucht.
In Westdeutschland wird noch bis in die 1970er Jahre in den Lehrplänen für die vielerorts bestehenden Mädchenschulen mehr Gewicht auf Handarbeiten und Hauswirtschaft als auf Naturwissenschaften gelegt. Heute gibt es verschiedene Institutionen und Formate, etwa seit 2001 den Girls‘ Day, die Mädchen und Frauen motivieren sollen, einen naturwissenschaftlichen oder technischen Beruf zu ergreifen. Trotzdem sind Frauen in diesen Bereichen immer noch unterrepräsentiert.
Karin Oelfke (wissenschaftl. Volontärin)