Donnerstag, 01. Oktober 2026

Eine Schülerinnenbiografie in der NS-Zeit

Historische Schulhefte geben nicht nur einen Einblick in Unterrichtsinhalte, sondern sind von ihren Besitzern persönlich geprägt. Zur Schülerin Thea sind uns abgesehen von ihren Schulheften keine weiteren Informationen erhalten. Die Hefte verraten über ihre Texte jedoch einiges über ihr Leben – auch abseits der Schule.

eine Sammlung von alten Schulheften
Theas Schulhefte aus der NS-Zeit verraten viel über ihre Biografie.

Das Mädchen wächst in einem Dorf im Allgäu auf. Ihr Vater ist Schuhmachermeister und hat eine kleine Landwirtschaft. Thea ist die älteste von vermutlich fünf Geschwistern. Sie wohnt in einer Arbeitersiedlung und geht im Nachbarort zur Schule. Wenn es im Unterricht langweilig wird, spielt sie mit ihren Freundinnen „Galgenmännchen“.

Thea wird im Mai 1933 eingeschult – vier Monate nachdem Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde. Seit ihrem zehnten Geburtstag geht sie zu den Jungmädeln, einer Organisation der Hitlerjugend. 1940 nimmt sie an einem BDM-Sommerlager und einem „Kindsmägdlekurs“ teil. 1941 verlässt sie mit 14 Jahren die Volksschule und absolviert das Pflichtjahr, das der Staat seit 1938 allen Frauen unter 25 vorschreibt. Thea darf es zuhause ableisten. Ab 1942 arbeitet sie als Haushaltshilfe und besucht den hauswirtschaftlichen Zweig einer Berufsschule.

Thea erlebt ihre gesamte Schulzeit in der NS-Diktatur. Die nationalsozialistische Ideologie hinterlässt Spuren in ihren Schulheften. Zwischen Aufsätze über Alltagssituationen mischen sich Propagandatexte. Sie haben einen besonderen Stil und scheinen aus vorgefertigten ideologischen Phrasen zu bestehen. Bereits in der dritten Klasse schreibt Thea begeistert über nationalsozialistische Feiertage. Später verfasst sie Aufsätze mit Titeln wie „Unser Führer im Weltkrieg“, führt ein Kriegstagebuch und sammelt Zeitungsausschnitte zum Kriegsverlauf. 

Ohne Kritik zu formulieren, zeigen die Texte, wie sich Theas Leben im Laufe der Diktatur und durch den Zweiten Weltkrieg verändert. Während sie 1934 noch ein fröhliches Weihnachtsfest mit vielen Geschenken beschreibt, schildert sie 1939 im Aufsatz „Kriegsweihnacht naht“, dass sie jetzt auf vieles verzichten muss. 

Die Aufschriebe aus der Berufsschule zeigen die Lebensmittelknappheit mit fortschreitendem Krieg. So notiert sie ein Rezept für „Kunsthoniglebkuchen“. Außerdem beschreibt sie, wie sie aus Wollresten Flicken für die Soldaten strickt. Auch die Auswirkungen des Krieges auf Theas Familie werden deutlich. In einem Brief bittet Thea um die Befreiung vom Schulgeld, weil sich ihre Eltern den Betrag von drei Reichsmark pro Monat kaum leisten können. Notizen auf der Rückseite eines Rechenhefts ihrer kleinen Schwester lassen vermuten, dass ihr Vater als Soldat in Russland ist. Was nach dem Krieg mit Thea und ihrer Familie passiert, lässt sich anhand der Schulhefte nicht herausfinden.

Helen Pohl, Praktikantin