Schulwandbild „Deutschlands Kolonien“
Die C.G. Röder A.-G. in Leipzig produziert das Schulwandbild „Deutschlands Kolonien“ von A. Vollbrecht vermutlich um das Jahr 1937 in Kooperation mit dem Kolonialpolitischen Amt der NSDAP und dem Reichskolonialbund Berlin. Es vermittelt Kolonialbesitz als unbedingte wirtschaftliche Notwendigkeit für das Deutsche Reich.

Die sachlich-wissenschaftliche Darstellung mit Tabellen, Statistiken und Karten soll als logische Schlussfolgerung erscheinen lassen, dass Deutschland ein Recht auf eigene Kolonien habe. Die Zitate wichtiger NS-Politiker sollen die Glaubwürdigkeit verstärken. Ziel dieser Darstellung ist es, den Schülerinnen und Schülern den ideologischen Herrschaftsanspruch über die außereuropäischen Gebiete zu vermitteln – und das, obwohl Deutschland zu dieser Zeit überhaupt keine Kolonien mehr besitzt.
Das Deutsche Kaiserreich erwirbt seit den 1880er Jahren Kolonien in Afrika, dem Pazifik und einem Teil des heutigen China. Damit will es sich im Kampf der europäischen Großmächte um Ressourcen behaupten. Deutschland beutet die Kolonien wirtschaftlich aus und beherrscht sie gewaltsam. Rassistische Vorstellungen gegenüber den Ethnien in den Kolonien, die – nicht zuletzt durch den Schulunterricht – bereits seit Jahrhunderten in der Gesellschaft verankert sind, legitimieren das brutale Vorgehen.
Nach dem Ersten Weltkrieg schreibt 1919 der Versailler Vertrag fest, dass Deutschland auf seine Kolonien verzichten muss. Stattdessen verwalten die Alliierten die Gebiete. Obwohl der tatsächliche wirtschaftliche Schaden für Deutschland gering ist, fassen viele Deutsche den Verlust der Kolonien als Kränkung auf. In der Weimarer Republik breitet sich daraufhin der so genannte Kolonialrevisionismus aus: Immer mehr Menschen in Politik und Gesellschaft fordern, dass Deutschland seine Kolonien zurückbekommt. Argumente dafür sammelt zum Beispiel der katholische Theologe und Kolonialwissenschaftler Joseph Abs 1926 in seinem Buch „Der Kampf um unsere Schutzgebiete“. Auch die noch aus der Kaiserzeit bestehenden Kolonialverbände setzen sich dafür ein. Sie nehmen über Informationsveranstaltungen und Unterrichtsmaterialien gezielt Einfluss auf den Schulunterricht. Außerdem erreichen sie, dass Schulen die staatliche Anweisung erhalten, für die Kolonien zu werben, und dass die im Unterricht verwendeten Landkarten die ehemaligen Kolonien weiterhin als deutsche Gebiete darstellen.
Nach ihrer Machtübernahme 1933 schaltet die NSDAP diese Kolonialverbände gleich und fasst sie im Reichskolonialbund zusammen, der unter der Kontrolle des 1934 gegründeten Kolonialpolitischen Amts steht. Dass die beiden Organisationen die Veröffentlichung dieses Schulwandbilds unterstützen, zeigt, dass es sich dabei um offizielle Propaganda der NSDAP handelt. Der Kolonialrevisionismus passt in das nationalsozialistische Weltbild vom „Volk ohne Raum“ und in die Rassenlehre. Das Kolonialpolitische Amt entwirft konkrete Pläne für eine Wiederinbesitznahme der ehemaligen Kolonien, ohne sie jedoch tatsächlich umzusetzen. Die entsprechenden Gebiete heißen hier trotzdem bereits „Deutsche Kolonien“.
Das Schulwandbild entsteht noch vor dem Zweiten Weltkrieg. In den folgenden Jahren macht die NSDAP eine widersprüchliche Kolonialpolitik, die sich ständig ändert. Die Kolonien gelten jedoch weniger als erweiterter Lebensraum für Deutsche, sondern zunehmend als ausschließliche Rohstofflieferanten. Im Zuge der Zuspitzung des Krieges löst Hitler das Kolonialpolitische Amt 1943 auf.
Weiterführende Informationen zur Vermittlung von Kolonialismus in der Schule bietet die Online-Ausstellung „Das koloniale Klassenzimmer“ der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Zusammenarbeit mit der Leibniz Universität Hannover.
Link zur Ausstellung: https://das-koloniale-klassenzimmer.gbv.de/
Helen Pohl, Praktikantin