Selbstgebastelte Spielfiguren der 1940er Jahre
Seit es Unterhaltungsliteratur gibt, sind Jugendliche fasziniert von Abenteuergeschichten. Oft haben aber die Autoren die von ihnen beschriebenen Welten selbst nie gesehen. Das gilt auch für Karl May (1842 bis 1912), einen der bekanntesten Autoren dieses Genres. Bekannt wurde er durch seine 1893 erschienenen Romane um die Protagonisten Winnetou und Old Shatterhand. Seine Beschreibungen des – von ihm „edler Wilder“ genannten – Apachenhäuptlings und der anderen Charaktere waren es, die über Jahrzehnte hinweg das Bild von den amerikanischen Ureinwohnern und den dortigen Geschehnissen prägten. Und so wurden auch Spielsachen und andere Dinge in ihrer Machart von den Romanen beeinflusst, wie diese Figuren zeigen …

Die Sammlung besteht aus Nachbildungen von Cowboys mit Gewehren und Pistolen sowie amerikanischen Ureinwohnern mit Kriegsbemalung und Speeren. Drei Brüder aus Friedrichshafen, alle in den 1930er Jahren geboren, haben die hölzernen Figuren vermutlich während der 1940er Jahre selbst ausgesägt. Ihre Mutter hat sie anschließend bemalt. Die Figuren können sowohl von selbst stehen als auch als Reiter auf die Pferde gesetzt werden.
Als 1963 mit „Der Schatz im Silbersee“ der erste Karl-May-Film mit Pierre Price und Lex Barker in die deutschen Filmtheater kommt, erfasst ein neuer Wild-West-Boom die deutsche Gesellschaft und in den folgenden fünf Jahren werden 16 weitere Filme gedreht. Denn nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bringt das Wirtschaftswunder ab den 1950er Jahren einen Aufschwung, der auch die deutsche Filmindustrie wiederbelebt.
Ähnlich wie die von der deutschen Elf gewonnene Fußballweltmeisterschaft 1954 führen die Karl-May-Filme der deutschen Bevölkerung vor Augen, dass es wieder bergauf geht. Und auch international vermitteln die Filme nach zwei Weltkriegen eine Botschaft: Die Freundschaften zwischen dem deutschstämmigen Old Shatterhand und seinem Blutsbruder Winnetou sowie zwischen dem „Alemann“ genannten Kara Ben Nemsi und dem Araber Hadschi Halef Omar ziehen sich durch die Drehbücher fast aller Filme. Nach dem Ende des verbrecherischen NS-Regimes zeigen sie der Welt, dass die Deutschen nicht von Grund auf böse und kriegstreiberisch sind.
Zu den Filmen erscheinen Quartetts, Brettspiele, Schallplatten und jede Menge anderer Fanartikel. Besonders beliebt sind die Starschnitte, die in der Jugendzeitschrift „Bravo“ erscheinen. Pierre Price allein erscheint als Starschnitt dreimal in der Zeitschrift. Wie die hölzernen Pferde und Figuren zeigen, basteln viele Kinder aber auch zu Hause, wenn das gewünschte Spielzeug nicht im Regal verfügbar ist.
Wie sehr die Bücher von Karl May und deren Verfilmungen bis heute polarisieren, zeigen die zahlreichen Diskussionen der letzten Jahre über Neuverfilmungen, Bücher und Karnevalskostüme. Sie flammen regelmäßig wieder auf unter dem Stichwort der Kulturellen Aneignung und führen zu Kritik an der romantisierten Darstellung und zahlreichen Stereotypen der amerikanischen Ureinwohner in den Filmen und Büchern.
Lukas Valet, wissenschaftlicher Volontär