Das Deutsche Rote Kreuz im Nationalsozialismus
Das blaue Buch "Amtliches Unterrichtsbuch über Erste Hilfe" aus dem Jahr 1938 ziert ein Reichsadler mit Hakenkreuz, der das Zeichen des Roten Kreuzes in seinen Krallen hält. Autor ist der überzeugte Nationalsozialist SS-Sturmbannführer Dr. Richard Krueger, der die Leitung der Hauptabteilung Ausbildung im Deutschen Roten Kreuz (DRK) innehat.

Im Buch wird unter anderem die Behandlung von Schussverletzungen wie Streifschüssen oder Durchschüssen beschrieben. Die Frage, welche genaue Stellung das DRK im nationalsozialistischen Regime eingenommen hat, lässt sich nicht lückenlos aufarbeiten, da viele Unterlagen vernichtet wurden. Was dennoch bleibt, sind Dokumente und Objekte wie dieses Buch, die zumindest erahnen lassen, in welchem Umfang die Organisation in die Machenschaften des NS-Regimes involviert war.
Bereits am 1. April 1933 findet das erste Treffen der Spitzenfunktionäre des Deutschen Roten Kreuzes mit Vertretern der NS-Regierung statt. Schnell wird auch die aus der Weimarer Republik stammende Satzung umgeschrieben: Die Aufgaben des DRK sollen nun vorrangig „im Amtlichen Sanitätsdienst des Heeres im Kriege, bei öffentlichen Notständen und inneren Unruhen“ stattfinden.
Auch wenn das DRK als Teil des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) nicht gleichgeschaltet werden kann wie andere Vereine, wird dennoch dafür gesorgt, dass an allen Schlüsselpositionen treue NS-Anhänger sitzen. So übernimmt 1936 der Chef des SS-Sanitätsamts, Reichsarzt Ernst Robert Grawitz, das Amt des stellvertretenden und ab 1937 das des geschäftsführenden Präsidenten. Grawitz ist unter anderem mitverantwortlich für medizinische Versuche an KZ-Gefangenen und die „Euthanasie“-Morde an Menschen mit Behinderung. 1934 wird Adolf Hitler Schirmherr des Vereins. Ab 1937 wird im DRK-Gesetz festgelegt, dass die Mitglieder folgenden Eid leisten müssen: „Ich schwöre Treue dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler. Ich gelobe Gehorsam und Pflichterfüllung in der Arbeit des Deutschen Roten Kreuzes nach den Befehlen meiner Vorgesetzten. So wahr mir Gott helfe.“
Der Verband soll einen „Bereitschaftsdienst im Sinne der Landesverteidigung“ bilden, wie der NSDAP-Politiker und Stellvertreter Hitlers, Rudolf Heß, 1934 in einem Rundschreiben des DRK verkündet. Die Schwesternschaften und die Frauenvereine sollen ein besonderer Stützpfeiler für die Arbeit im Kriegsfall werden. Davon zeugt das hier zu sehende „Ausweisbuch für weibliche Hilfskräfte des Deutschen Roten Kreuzes“. Die meist jungen Frauen sollen sowohl an der Front als auch im Landesinneren Soldaten versorgen und organisatorische Aufgaben übernehmen. Insgesamt sind im Zweiten Weltkrieg rund 640.000 DRK-Mitglieder im Einsatz. Sie arbeiten im Heer, bei der Marine, der Luftwaffe und auch bei der Waffen-SS. Zu ihren Hauptaufgaben zählt die Betreuung der Wehrmachtssoldaten bei der Durchreise an Bahnhöfen sowie das Betreiben von Soldatenheimen in besetzten Gebieten.
Die fünf Abzeichen werden für das Winterhilfswerk verkauft. Da die NS-Regierung dem Roten Kreuz ab 1937 verbietet eigenständig Spenden zu sammeln, werden sie an das Winterhilfswerk gekoppelt und müssen von nun an für sie mitsammeln. Der Spruch „Helft uns zu helfen!” auf zwei der Abzeichen zeugt davon.
Die Organisation ist durch personelle und finanzielle Verknüpfungen an das NS-Regime gebunden. Dennoch kann sie nicht ohne ihre Mitglieder funktionieren, die Befehle teilweise mit Begeisterung ausführen. Nur denjenigen zu helfen, die in der durch Rassismus und Antisemitismus geformten „Volksgemeinschaft“ einen Platz haben, widerspricht dem Gründungsprinzip des Roten Kreuzes: Allen Menschen zu helfen, unabhängig von Herkunft und Glauben.
Chiara Rees, wiss. Volontärin