Schülerbriefchen aus den 1990er Jahren
Das Schreiben von kleinen geheimen Zettelchen an den Banknachbarn ist wahrscheinlich so alt wie die Schule selbst. Diese kleinen Botschaften sind nicht dafür gemacht, um zu überdauern oder von anderen gelesen zu werden. Meist verschwinden sie am Ende der Stunde im Mülleimer oder werden im Schulranzen vergessen. Die Zettel in unserer Sammlung haben alle ihr eigentliches Ziel verfehlt: Sie werden in den 1990er Jahren von dem Lehrer Nikolaus Mohr am Gymnasium Wilhelmsdorf einkassiert. Sie bieten einen Einblick in den Alltag der Schülerinnen und Schüler während des Unterrichts, der uns Außenstehenden sonst verwehrt bleibt.

Anbei befindet sich ebenfalls ein ausgehöhlter Radiergummi, mit dem die Zettel unbemerkt weitergegeben werden sollten. Beliebte Methoden sind außerdem das Verstecken im Füller oder das Weiterreichen in einem Hefter.
Der Inhalt der Zettel reicht von Aussagen wie „Zum Glück haben wir kein Englisch, sonst würde ich bald einschlafen“ bis hin zu tiefen Fragen wie „Wollen wir es nicht mehr probieren wir zwei?“. Auch zwei Schülerzeichnungen haben es in unsere Sammlung geschafft, eine davon zeigt Herrn Mohr selbst.
Doch nicht nur der Inhalt macht diese Briefchen so interessant. Schon das Schreiben und Verteilen steigert die Ereignisqualität des Unterrichts. Vielleicht, um Langeweile zu vertreiben, aber auch, um das Verhältnis untereinander festzulegen. Der Austausch der Zettel findet in einem halböffentlichen Raum statt. Mitschüler und Mitschülerinnen bekommen mit, wer an wen einen Zettel schreibt. So werden Freundschaften gepflegt und es werden romantische Interessen bekundet. Der Inhalt des Zettels sollten geheim bleiben und kann sowohl ein Zugehörigkeitsgefühl als auch das Gefühl der Exklusion schaffen. Der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Georg Breidenstein schreibt, dass es nötig ist, Beziehungen zu schaffen und aufrechtzuerhalten, sich voneinander abzugrenzen und zu hierarchisieren, um Mitglied einer Klassengemeinschaft zu sein. All dies wird mit den kleinen Schülerbriefchen erreicht.
Chiara Rees wiss. Volontärin