Montag, 22. Februar 2021

Turnunterricht - viel mehr als nur Sport

Mit der Überarbeitung des Themas Sportunterricht hat das Schulmuseum Friedrichshafen in seiner Dauerausstellung einen gesellschaftspolitisch bedeutenden Aspekt von Schule in den Blick genommen. Das Team freut sich darauf, die neue „Turnwand“ im 2. Obergeschoss zur hoffentlich baldigen Wiederöffnung den Besuchern vorstellen zu können.
Eine Wand im Museum
In sanftem Grün erstrahlt die neue "Turnwand" mit großflächigen Bildern und einer reduzierten Vitrine

Mit der komplett neu gestalteten Wand im zweiten Obergeschoss wird historische Bogen gespannt von der Aufklärung um 1800 bis in die Gegenwart. Den „Philanthropen“, den aufgeklärten Pädagogen, ging es vor allem um die harmonische Bildung von Körper und Geist auch in der Schule. Der national gesinnte „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn sah hier die Chance zur wehrhaften Ertüchtigung vor allem der jungen Männer, ob auf dem Turnplatz oder in der Schule. Turnunterricht fand bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts übrigens vor allem in den Gymnasien für die Jungen statt.

Die Volksschulen nahmen erst ab 1871 das Turnen in den Stundenplan auf. Und Turnen, das hieß Ordnungs-, Frei- und Geräteübungen in Reih und Glied. Drei historische Fotografien aus einem Berliner Mädchenlyzeum um 1908 zeugen davon. Nicht Wettkampf und der Erfolg des Einzelnen standen im Vordergrund, sondern das gemeinsame Tun des „Volkskörpers“. Erst nach 1900 breitet sich auch der englische Gedanke des Sports, des Spiels auch im Sinne des Freizeitvergnügens aus. Leichtathletik und Ballspiele erreichen die Schulen. Mannschaftsgeist, Zusammenspiel und nun auch Wettbewerb und Gewinnen werden immer wichtiger.

Dass die Jahre des Nationalsozialismus eine Rückwendung auf das Ziel der  Wehrertüchtigung bedeuten, belegt eindrucksvoll die Übungshandgranate aus der Sammlung des Schulmuseums, die im Leichtathletikunterricht genutzt wurden.

„Dass der Sport, der Turnunterricht über die Jahrhunderte politisch so beeinflusst waren, war uns vor der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Sportunterrichts nicht bewusst“, betont Museumsleiterin Friederike Lutz, „ein wirklich spannendes und facettenreiches Thema.“

Ein spannendes Thema, dem sich hoffentlich schon bald auch die Besucherinnen und Besucher des Schulmuseums widmen können.

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