Montag, 01. Juni 2020

Schulzeugnis von 1888

Sie sind gefürchtet, manchmal Grund zur Freude aber nicht selten auch zur Sorge: Die Schulzeugnisse! Bereits seit dem 18. Jahrhundert lassen sie Freudenschreie oder ängstliche Seufzer durch Klassenzimmer schallen. Wie sich die Benotung im Laufe der Jahrzehnte verändert hat, erfahren Sie hier...
Ein altes Schulzeugnis von 1888
Das damalige Notensytem kennt 8 Stufen und reicht von "recht gut" (was heute eine 1 wäre) bis zu "sehr mittelmäßig". Bei unserem Objekt des Monats dominiert das "zg = ziemlich gut" oder "zgg = ziemlich gut bis gut".

Zeugnis: […] urkundliche Bescheinigung, Urkunde, die die meist in Noten ausgedrückte Bewertung der Leistungen von Schülern enthält. […]

Dies ist die offizielle Definition eines Zeugnisses im aktuellen Duden. Die Leistungen der Schüler und Schülerinnen werden seit 1938 in den einzelnen Fächern mit einer Notenskala von 1 (sehr gut) bis 6 (ungenügend) bewertet. Mit der Oberstufenreform 1972 kommt das 15-Punktesystem in den westdeutschen Gymnasien zum Einsatz. Hier steht die höchste Punktzahl für die beste Note. Unser Objekt des Monats ist ein Zeugnis von 1888 und ähnelt den Schulzeugnissen unserer Tage. Genau wie heute bekommt der Schüler Franz Leichtle für jedes Fach eine einzelne Note. Jedoch unterscheiden sich die Notenwerte. Doch dazu später mehr.

Die Geschichte des Schulzeugnisses

Schulzeugnisse existieren seit dem 18. Jahrhundert. Bereits im 16. Jahrhundert (Reformation) gibt es eine Form von Zeugnissen, die aber einen anderen Zweck als heute haben. Sie werden Benefizienzeugnis genannt und wirken wie ein Stipendium. Durch sie erhalten Angehörige aus den ärmeren Gesellschaftsschichten den Zugang zu den Schulgeld pflichtigen Lateinschulen (Höhere Schulen). Bildung ist in dieser Zeit nämlich ein Privileg der Reichen und Adligen. Mit der Durchsetzung der Schulpflicht im 18. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum und mit der Aufklärung gewinnen die Schulzeugnisse an Bedeutung. Zudem spielt die Einführung des Abiturs in Preußen 1799 eine Rolle. Angehörigen des Bürgertums soll nun der Zutritt zu Universitäten und in wichtige Ämter im Staats- und Militärwesen allein durch ihre Leistungen ermöglicht werden. Das Recht auf höhere Bildung der Reichen und des Adels wird durch das Leistungsprinzip abgelöst. Dies ist ein erster Schritt zu Chancengleichheit und zur Demokratisierung der Gesellschaft. Jeder ist seines Glückes Schmied.

Entstehung der Schulnoten   

Im 16. Jahrhundert führten Jesuiten in ihren Schulen ein fünfstufiges Notensystem ein. Um in die nächsthöhere Klasse aufzusteigen, mussten die Schüler entsprechende Leistungen bringen. Jedoch spielen die Noten im Zeugnis keine wichtige Rolle. Wichtiger sind damals  die Beschreibungen der Schüler, ihres Charakters, ihrer Frömmigkeit und ihrer Tugenden. Mit der Einführung der Schulpflicht und des Abiturs nehmen sich die unterschiedlichen Landesherren das Notensystem der Jesuiten als Vorbild. Doch gibt es neben dem fünfstufigen System auch Benotungen von drei bis zu neun Stufen. Zu Beginn des 20. Jahrhundert werden die verschiedenen Systeme angeglichen und mit der Einführung der Grundschule 1919 setzt sich die fünfstufige Bewertung durch. Die Nationalsozialisten führen 1938 schießlich die Note 6 ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg bleibt diese Skala bis heute in Westdeutschland in Gebrauch. Die DDR jedoch schafft die 6 ab und bevorzugt fünf Noten.

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