Dienstag, 01. Januar 2019

Schülermützen

„Nach den ersten vier Schuljahren verabschiedete sich etwa die Hälfte meiner Mitschüler, […] tauchte nach Ostern, stolz mit bunten Mützen, in den Sexten der Gymnasien, Realgymnasien, Reformgymnasien, Oberrealschulen und Realschulen wieder auf. Es war nicht die bessere Hälfte, doch die Dümmsten darunter bildeten es sich ein.
Schülermützen

Und wir anderen waren zwar in der Tieckstraße, nicht aber geistig zurückgeblieben. […]  die Frage >Höhere Schule oder nicht?< nicht von uns selber, sondern vom väterlichen Geldbeutel beantwortet worden war. Es war eine Antwort aus der falschen Ecke. […]“ Erich Kästner (1899-1974) über Schülermützen.

Im deutschen Kaiserreich gibt es keine Schuluniformen. Jedoch kommen Schülermützen in Mode, die nach dem Vorbild der Studenten- bzw. Soldatenmützen das Erkennungszeichen und auch das Statussymbol von Schülern und Schülerinnen der höheren Schulen (Gymnasium, Oberrealschule und andere) sind. Anhand der Mützenfarbe können die Kinder und Jugendlichen einer bestimmten Schule (Mützenfarbe) und Klassenstufe (Farben des Bandes) zugeordnet werden. Ein weiterer Aspekt: Ihre Träger sollen von Streichen, Prügeleien und ähnlichem Schabernack auf ihrem Schulweg abgehalten werden, da die Übeltäter leicht zuzuordnen sind und das gute Ansehen ihrer Schule in Gefahr ist. Der Ruf der Schule wird durch die Mütze repräsentiert. So mussten Schülerinnen und Schüler einer weniger angesehenen Schule den Angehörigen einer besser gestellten Einrichtung den Vortritt lassen. Eifersüchteleien, „Klassenkämpfe“ und andere Schikanen, die durch das Tragen der Mützen eigentlich verhindert werden sollen, waren also vorprogrammiert.

Wie dem Zitat von Erich Kästner zu entnehmen ist, stand der Besuch eines Gymnasiums nicht mit dem Bildungsstand des Einzelnen in Zusammenhang, sondern vor allem mit den finanziellen Mitteln. Durch die Mütze wird auch der Öffentlichkeit gezeigt, dass die Eltern des Schülers es sich leisten können, in eine höhere Bildung zu investieren. Ein weiterer Nebeneffekt der Schülermützen ist die Steigerung des Leistungsdrucks auf die Kinder und Jugendlichen: Keiner will sich in der Öffentlichkeit als Sitzenbleiber „outen“, wenn er oder sie mit seinen Freunden und Freundinnen unterwegs ist und diese stolz die Farben der höheren Klassenstufe zur Schau tragen, man selbst jedoch beschämt noch die alte Mütze trägt.

Da die hier ausgestellten Schülermützen das Erscheinungsbild der Schüler und Schülerinnen des Kaiserreiches prägten, werden die ausgestellten Exemplare nach ihrer Zeit als „Objekt des Monats“ in das Klassenzimmer 1900 überführt, um hier von den Besuchern bestaunt werden zu können.